ANN KATHRIN AST   1986   in   Speyer   geboren,   lebt   in   Stuttgart.   Nach   einem   Violoncellostudium   an   der   Musikhochschule Mannheim   und   einem   Master   in   Mündlicher   Kommunikation   und   Rhetorik   an   der   Universität   Regensburg schreibt   sie   Lyrik,   Prosa   und   Szenisches.   Aktuell   steht   sie   kurz   vor   dem   Beenden   des   ersten   Romans. Texte   von   ihr   sind   in   Anthologien   und   Zeitschriften   veröffentlicht,   ins   Französische   und   Türkische übersetzt.   Lesungen   in   Deutschland,   Österreich,   Frankreich,   Luxemburg,   Belgien   und   der   Türkei.   Sie arbeitet auch als Literaturvermittlerin für das Lyrikkabinett München. AUSZEICHNUNGEN 2017 Hilde Zach-Literaturstipendium der Stadt Innsbruck 2017 Arbeitsstipendium der österreichischen Bundesregierung 2017 Arbeitsstipendium des Landes Tirol 2017 Landeskind-Stipendium für das Künstlerhaus Edenkoben 2017 Stipendiatin der Jürgen Ponto-Stiftung 2016 Arbeitsstipendium der österreichischen Bundesregierung 2016 USA-Reisestipendium der österreichischen Bundesregierung 2016 Stipendiatin des europäischen „Printemps poétique transfrontalier“ (Schreibaufenthalt und         Lesereise durch 5 Länder) 2014 Arbeitsstipendium der Landeshauptstadt Saarbrücken 2014 Stipendiatin deutsch-türkisches Poesie-Übersetzungsprojekt des Goethe Instituts Istanbul Nominierungen zum Leonce und Lena-Wettbewerb 2011 und Georg K. Glaser-Förderpreis 2009 2010 Arbeitsstipendium des Förderkreises deutscher Schriftsteller VERÖFFENTLICHUNGEN Erzählung ARIADNES SPUCKTUCH 1 Die   Kritik   hatte   sie   hart   getroffen.   Es   sei   ihr,   der   begabtesten   Sopranistin   des   Landestheaters,   nicht möglich,   die   Liebe   in   einer   ihrer   Ausformungen   angemessen   darzustellen   oder   gar   zu   verkörpern, schrieb   der   Rezensent   −   obwohl   ihre   schauspielerische   Leistung   außerhalb   dieser   Begrenzung   von   präzi - sem   Ausdruck   geprägt   sei.   Seit   drei   Jahren   habe   er   sie   in   etlichen   Titelrollen   beobachten   können, daher   fühle   er   sich   befugt,   zusammenzufassen:   Es   fehle   ihr   schlicht   an   Gespür   für   den   Ausdruck   von Liebe.   Dieses   Defizit,   obwohl   begrenzt,   sei   insbesondere   ungünstig   bei   einer   lyrischen   Sopranistin, deren   Daseinsgrund   in   der   klassischen   und   romantischen   Oper   im Ausdruck   des   liebenden,   sich   verzeh - renden   Geschöpfs   bestünde   bzw.   als   Projektionsfigur   für   liebende   Männer   in   Form   von   Heldentenören usw.   Den   letzten   Satz   überflog   sie   nur,   vor   einem   der   Glaskästen   in   den   heruntergekommenen   gelbli - chen   Gängen   des   Landestheaters   stehend,   und   obwohl   sie   sich   vorgenommen   hatte,   ihr   Wohlergehen nicht   von   Pressekritik   abhängig   zu   machen,   ließ   sich   nicht   verhindern,   dass   die   Behauptung   bereits jetzt   auf   sie   einwirkte.   Nur   wenn   ihr   zumindest   ein   Stück   Wahrheitsgehalt   inne   war,   konnte   Kritik   sie   so treffen.   Zudem   kannte   sie   den   Rezensenten,   Kulturredakteur   der   örtlichen   Tageszeitung,   persönlich, seit   er   ein   Porträt   über   sie   verfasst   hatte:   Ein   emphatischer,   ernsthafter   Mann,   nicht   alt,   der   selbst Musik   studiert   hatte   (Klavier),   Musik   immer   noch   bis   zur   Selbstaufgabe   liebte   und   (über   diese   Einschät - zung war sie sich ziemlich sicher) keinem Menschen absichtlich etwas Böses gewollt hätte. 2 Während   sie   sich   einsang,   dachte   sie   daran,   wie   oft   sie   mit   ihrem   Mann,   der   am   selben   Theater   arbei - tete,   zu   Hause   sich   singend   und   scherzend   über   die   überhöhte   Vorstellung   von   Liebe   in   den   Opern lustig   gemacht   hatte   −   eine   Liebe,   die   üblicherweise   mit   der   Selbst-   oder   gegenseitigen   Tötung   der Liebenden   endet.   Sie   sah   im   Spiegel   ihre   unreine   Haut,   die   Stupsnase,   ihren   immer   weiter   aufgehenden Körper.   In   der   Probe   ließ   sie   sich   kaum   anmerken,   wie   sehr   die   Bemerkung   sie   irritierte;   zu   ihrer   Auf - fassung   von   Professionalität   gehörte   es,   weitgehend   unabhängig   von   Stimmungsausschlägen   (die   sie mied),   von   Temperaturen   und   anderen   Äußerlichkeiten,   eine   gleichbleibend   gute   Leistung   zu   erbrin - gen.   Sie   bevorzugte,   nicht   mehr   als   nötig   auf   sich   aufmerksam   zu   machen.   (Bereits   wenige   Minuten nach   einer   Vorstellung   hatte   sie   sich   jedes   Mal   in   die   ungeschminkte,   unauffällige   Frau   verwandelt,   die kaum ein Zuschauer auf der Straße erkannte.) Ariadne   auf   Naxos    von   Richard   Strauss   stand   auf   dem   Probenplan,   die   Szene,   in   der   Ariadne   begreift, dass   sie   allein   auf   der   Insel   zurückgelassen   wurde. An   dieser   Passage   berührte   sie,   dass Ariadne,   als   sie aufwacht,   ihr   Gedächtnis   verloren   zu   haben   scheint   und   erst   allmählich   und   stückweise,   mit   Hilfe   der Namen,   ihre   Erinnerung   wieder   zurückkommt.   Der   Regisseur   dagegen   meinte,   es   sollte   von   Anfang   an Ariadnes   Sehnsucht   nach   Liebe   deutlicher   hervortreten,   was   sie,   indem   sie   sich   auf   dem   staubigen Boden der Probebühne wand, versuchte umzusetzen. Am   Probenende   zeigte   er   sich   zwar   erfreut,   wie   schnell   man   vorangekommen   sei,   trotzdem   merkte   sie, dass sie nicht exakt den Ausdruck getroffen hatte, den der Regisseur sich wünschte. 3 Nachdem   sie   zwei   befreundete   Orchestermusiker   vertröstet   hatte,   die   in   naher   Zukunft   ihr   erstes   Kind erwarteten   und   zusammen   mit   ihr   zu   Mittag   essen   wollten,   bestellte   sie   in   einem   der   belebten   Cafés am   Alten   Marktplatz   einen   Tee.   Den   abgeschiedenen   Platz   am   Fenster   fand   sie   ideal.   Denn   hätte   sie jetzt   mit   einem   Fremden,   Halbfremden   oder   Vertrauten   sprechen   sollen   −   es   wäre   ihr   nichts   Unver - fängliches zu sagen eingefallen. Mittlerweile   empfand   sie   die   Kritik   als   eine   Nachricht,   die   man   ihr   überbracht   hatte.   Die   Präzision   der Nachricht war es, die sie überzeugte. Wovon? Dann   beruhigte   sie   sich,   dass   der   Rezensent   nur   von   ihrer   Ausdrucksfähigkeit   (nicht   von   der   Qualität ihrer   Gefühle)   gesprochen   hatte.   Um   sicherzugehen,   dass   sie   sich   in   Liebesdingen   nicht   auffällig   ver - hielte,   fing   sie   an,   die   an   dem   Café   vorüberlaufenden   Passanten   zu   beobachten.   Sie   versuchte   zu erkennen,   wie   sich   Liebe   oder   liebesähnliche   Zustände   in   ihren   Bewegungen,   Körperhaltungen   und   Ges - ten ausdrückten. 4 Nach   einer   halben   Stunde   stand   sie   auf   und   zahlte   an   der   Theke.   Mittlerweile   bereute   sie,   nicht   mit den   beiden   Orchestermusikern   in   die   Kantine   gegangen   zu   sein.   In   einer   Gasse,   die   von   schiefen,   verzo - genen   Häuschen   gesäumt   war,   kam   sie   an   einer   barocken   Kirche   vorbei,   deren   Tür   halboffen   stand   und aus der leise Orgeltöne zogen. Als   sie   die   kleine   Kirche   betrat,   hörte   die   Orgelmusik   auf.   Sie   setzte   sich   dennoch   in   eine   der   hinteren Bänke,   unter   die   Empore,   aber   der   Organist   hatte   sein   Spiel   beendet   −   oder   war   das   Stück   von   einer   CD abgespielt worden, die nun zu Ende war? Die   Einrichtung   ihrer   Wohnung   wirkte   provisorisch,   obwohl   sie   seit   fünf   Jahren   hier   lebten:   eine   nackte Glühbirne   über   der   Garderobe,   in   den   Durchgängen   zwischen   den   Zimmern   hingen   keine   Türen   und   in der   ganzen   Wohnung   stand   kein   Schreibtisch. Auf   dem   Parkettboden   im   Wohnzimmer   lag   das   Spucktuch ihres   Kindes   −   es   erinnerte   sie   daran,   wie   sehr   ihre   Stimme   sich   nach   der   Schwangerschaft   verbessert hatte;   obwohl   andere   Sängerinnen   sie   davor   gewarnt   hatten,   etliche   sogar   darauf   verzichteten,   ein Kind   zu   bekommen   −   aus   Angst,   der   Hormonwechsel   könnte   der   Stimme   schaden.   Vor   dem   Klavier   ste - hend   erzeugte   sie   immer   höhere   und   lautere   Töne.   Dabei   kam   ihr   wieder   die   Frage   ein,   warum   beide   der   Regisseur   und   der   Rezensent   −   ausgerechnet   ihren   Ausdruck   von   Liebe   bemängelt   hatten.   Sie dachte   an   ihren   Mann,   an   ihr   Kind;   und   es   fiel   ihr   auf,   dass   sie   im   Gegensatz   zu   den   meisten   ihrer   Kol - leginnen   eine   weitgehend   gleichmäßige   und   befriedigende   Beziehung   seit   Jahren   führte   −   doch   darin konnte sie keinen Mangel erkennen. Eine   dreiviertel   Stunde   mühte   sie   sich   auf   solche   Weise   ab,   dann   gab   sie   auf.   Sie   beschloss,   ihre Stimme   für   den   Rest   des   Nachmittags   zu   schonen   und   mit   einer   Wärmflasche   und   ihrer   favorisierten amerikanischen   Sitcom   zu   entspannen.   Dabei   freute   sie   sich   auf   den   Zeitpunkt,   wenn   ihr   Sohn   von   der Tagesmutter zurückgebracht und ihr übergeben werden würde. 5 Als   sie   aber   gegen   sechzehn   Uhr   den   schlafenden   Leon   von   der   Tagesmutter   übernahm,   schien   ihr   diese Handlung   bedeutungslos.   Den   Moment   nach   einem   langen   Tag,   wenn   sie   ihr   Kind   wieder   in   den   Armen hielt,   schätzte   sie   sonst   sehr.   Sie   verabschiedete   die   Tagesmutter.   Mit   dem   Eindruck,   ein   Geschenk,   das ihr zustand, nicht erhalten zu haben, legte sie das Kind in sein Bett. Am   frühen   Abend   hatte   sie   bereits   mehrmals   das   Schlafzimmer   betreten,   in   dem   Leon   lag.   Jedes   Mal hoffte   sie,   der   Anblick   des   schlafenden   Kindes   löse   einen   Gefühlseindruck   in   ihr   aus,   einen   Anflug   von Zärtlichkeit   oder   Nachklang   der   tiefen   Ruhe   und   Geborgenheit,   die   bei   Kindern   vorkommt;   es   geschah nichts. Während   sie   eine   Zwischenmahlzeit   zu   sich   nahm,   überlegte   sie,   ob   es   ihr   wirklich   wichtig   wäre,   etwas zu   empfinden   oder   ob   es   ihr   genügte,   Leon   fürsorglich   zu   pflegen,   zu   füttern,   ihm   einen   warmen Schlafplatz zu geben und schöne Kleider anzuziehen.   Gegen   Ende   der   Brotzeit,   sagt   sie,   habe   sie   entschieden,   dass   es   ihr   nicht   wichtig   sei.   Danach   habe   sie das Kind, da es aufwachte, genommen und an die Brust gelegt.
KONTAKT kontakt(at)annkathrinast.eu IMPRESSUM Ann Kathrin Ast Solitude 70197 Stuttgart
Die   Inhalte   dieser   Webseite   sind   urheberrechtlich   geschützt   und   dürfen   ohne   ausrückliche   Genehmigung   der   Rechteinhaber   nicht   reproduziert   oder   anderweitig verwendet werden.
ANN KATHRIN AST   1986     in     Speyer     geboren,     lebt     in Stuttgart.   Nach   einem   Violoncellostudium an   der   Musikhochschule   Mannheim   und einem    Master    in    Mündlicher    Kommuni- kation   und   Rhetorik   an   der   Universität Regensburg   schreibt   sie   Lyrik,   Prosa   und Szenisches.    Zurzeit    steht    sie    kurz    vor dem   Beenden   des   ersten   Romans.   Texte von    ihr    sind    in    Anthologien    und    Zeit- schriften   veröffentlicht,   ins   Französische und    Türkische    übersetzt.    Lesungen    in Deutschland,      Österreich,      Frankreich, Luxemburg,   Belgien   und   der   Türkei.   Sie arbeitet   auch   als   Literaturvermittlerin   für das Lyrikkabinett München. AUSZEICHNUNGEN 2017 Hilde Zach-Literaturstipendium 2017 Arbeitsstipendium der                österreichischen  Bundesregierung 2017 Arbeitsstipendium des Landes Tirol 2017 Landeskind-Stipendium für das                Künstlerhaus Edenkoben 2017 Stipendiatin der Jürgen Ponto-         Stiftung 2016 Arbeitsstipendium der         österreichischen Bundesregierung 2016 USA-Reisestipendium der         österreichischen Bundesregierung 2016 Stipendiatin des europäischen         „Printemps poétique            transfrontalier“ 2014 Arbeitsstipendium der         Landeshauptstadt Saarbrücken 2014 Stipendiatin deutsch-türkisches         Poesie-Übersetzungsprojekt des            Goethe Instituts Istanbul Nominierungen zum Leonce und Lena-             Wettbewerb 2011 und Georg K.          Glaser-Förderpreis 2009 2010 Arbeitsstipendium des         Förderkreises deutscher         Schriftsteller VERÖFFENTLICHUNGEN
Erzählung ARIADNES SPUCKTUCH 1 Die   Kritik   hatte   sie   hart   getroffen.   Es   sei ihr,   der   begabtesten   Sopranistin   des   Lan - destheaters,   nicht   möglich,   die   Liebe   in einer    ihrer    Ausformungen    angemessen darzustellen    oder    gar    zu    verkörpern, schrieb    der    Rezensent    −    obwohl    ihre schauspielerische   Leistung   außerhalb   die - ser   Begrenzung   von   präzisem   Ausdruck geprägt   sei.   Seit   drei   Jahren   habe   er   sie in    etlichen    Titelrollen    beobachten    kön - nen,   daher   fühle   er   sich   befugt,   zusam - menzufassen:    Es    fehle    ihr    schlicht    an Gespür   für   den   Ausdruck   von   Liebe.   Die - ses   Defizit,   obwohl   begrenzt,   sei   insbe - sondere    ungünstig    bei    einer    lyrischen Sopranistin,   deren   Daseinsgrund   in   der klassischen    und    romantischen    Oper    im Ausdruck   des   liebenden,   sich   verzehren - den   Geschöpfs   bestünde   bzw.   als   Projek - tionsfigur   für   liebende   Männer   in   Form von   Heldentenören   usw.   Den   letzten   Satz überflog   sie   nur,   vor   einem   der   Glaskäs - ten   in   den   heruntergekommenen   gelbli - chen      Gängen      des      Landestheaters stehend,   und   obwohl   sie   sich   vorgenom - men    hatte,    ihr    Wohlergehen    nicht    von Pressekritik    abhängig    zu    machen,    ließ sich   nicht   verhindern,   dass   die   Behaup - tung   bereits   jetzt   auf   sie   einwirkte.   Nur wenn   ihr   zumindest   ein   Stück   Wahrheits - gehalt    inne    war,    konnte    Kritik    sie    so treffen.   Zudem   kannte   sie   den   Rezensen - ten,   Kulturredakteur   der   örtlichen   Tages - zeitung,    persönlich,    seit    er    ein    Porträt über   sie   verfasst   hatte:   Ein   emphatischer, ernsthafter    Mann,    nicht    alt,    der    selbst Musik    studiert    hatte    (Klavier),    Musik immer   noch   bis   zur   Selbstaufgabe   liebte und    (über    diese    Einschätzung    war    sie sich    ziemlich    sicher)    keinem    Menschen absichtlich etwas Böses gewollt hätte. 2 Während    sie    sich    einsang,    dachte    sie daran,   wie   oft   sie   mit   ihrem   Mann,   der am   selben   Theater   arbeitete,   zu   Hause sich    singend    und    scherzend    über    die überhöhte   Vorstellung   von   Liebe   in   den Opern   lustig   gemacht   hatte   −   eine   Liebe, die    üblicherweise    mit    der    Selbst-    oder gegenseitigen     Tötung     der     Liebenden endet.   Sie   sah   im   Spiegel   ihre   unreine Haut,   die   Stupsnase,   ihren   immer   weiter aufgehenden   Körper.   In   der   Probe   ließ sie   sich   kaum   anmerken,   wie   sehr   die Bemerkung   sie   irritierte;   zu   ihrer   Auffas - sung    von    Professionalität    gehörte    es, weitgehend   unabhängig   von   Stimmungs - ausschlägen   (die   sie   mied),   von   Tempe - raturen     und     anderen     Äußerlichkeiten, eine    gleichbleibend    gute    Leistung    zu erbringen.   Sie   bevorzugte,   nicht   mehr   als nötig   auf   sich   aufmerksam   zu   machen. (Bereits   wenige   Minuten   nach   einer   Vor - stellung   hatte   sie   sich   jedes   Mal   in   die ungeschminkte,    unauffällige    Frau    ver - wandelt,   die   kaum   ein   Zuschauer   auf   der Straße erkannte.) Ariadne   auf   Naxos    von   Richard   Strauss stand   auf   dem   Probenplan,   die   Szene,   in der   Ariadne   begreift,   dass   sie   allein   auf der   Insel   zurückgelassen   wurde.   An   die - ser   Passage   berührte   sie,   dass   Ariadne, als   sie   aufwacht,   ihr   Gedächtnis   verloren zu   haben   scheint   und   erst   allmählich   und stückweise,    mit    Hilfe    der    Namen,    ihre Erinnerung    wieder    zurückkommt.    Der Regisseur   dagegen   meinte,   es   sollte   von Anfang    an    Ariadnes    Sehnsucht    nach Liebe    deutlicher    hervortreten,    was    sie, indem   sie   sich   auf   dem   staubigen   Boden der   Probebühne   wand,   versuchte   umzu - setzen. Am     Probenende     zeigte     ersich     zwar erfreut,   wie   schnell   man   vorangekommen sei,   trotzdem   merkte   sie,   dass   sie   nicht exakt   den   Ausdruck   getroffen   hatte,   den der Regisseur sich wünschte. 3 Nachdem   sie   zwei   befreundete   Orches - termusiker   vertröstet   hatte,   die   in   naher Zukunft   ihr   erstes   Kind   erwarteten   und zusammen   mit   ihr   zu   Mittag   essen   woll  - ten,   bestellte   sie   in   einem   der   belebten Cafés    am    Alten    Marktplatz    einen    Tee. Den    abgeschiedenen    Platz    am    Fenster fand   sie   ideal.   Denn   hätte   sie   jetzt   mit einem   Fremden,   Halbfremden   oder   Ver - trauten   sprechen   sollen   −   es   wäre   ihr nichts   Unverfängliches   zu   sagen   eingefal  - len. Mittlerweile    empfand    sie    die    Kritik    als eine   Nachricht,   die   man   ihr   überbracht hatte.   Die   Präzision   der   Nachricht   war   es, die sie überzeugte. Wovon? Dann   beruhigte   sie   sich,   dass   der   Rezen - sent    nur    von    ihrer    Ausdrucksfähigkeit (nicht    von    der    Qualität    ihrer    Gefühle) gesprochen    hatte.    Um    sicherzugehen, dass   sie   sich   in   Liebesdingen   nicht   auffäl  - lig   verhielte,   fing   sie   an,   die   an   dem   Café vorüberlaufenden   Passanten   zu   beobach - ten.   Sie   versuchte   zu   erkennen,   wie   sich Liebe    oder    liebesähnliche    Zustände    in ihren   Bewegungen,   Körperhaltungen   und Gesten ausdrückten. 4 Nach   einer   halben   Stunde   stand   sie   auf und    zahlte    an    der    Theke.    Mittlerweile bereute   sie,   nicht   mit   den   beiden   Orches - termusikern   in   die   Kantine   gegangen   zu sein.   In   einer   Gasse,   die   von   schiefen, verzogenen   Häuschen   gesäumt   war,   kam sie    an    einer    barocken    Kirche    vorbei, deren   Tür   halboffen   stand   und   aus   der leise Orgeltöne zogen. Als   sie   die   kleine   Kirche   betrat,   hörte   die Orgelmusik   auf.   Sie   setzte   sich   dennoch in    eine    der    hinteren    Bänke,    unter    die Empore,    aber    der    Organist    hatte    sein Spiel   beendet   −   oder   war   das   Stück   von einer   CD   abgespielt   worden,   die   nun   zu Ende war? Die    Einrichtung    ihrer    Wohnung    wirkte provisorisch,   obwohl   sie   seit   fünf   Jahren hier   lebten:   eine   nackte   Glühbirne   über der   Garderobe,   in   den   Durchgängen   zwi - schen   den   Zimmern   hingen   keine   Türen und   in   der   ganzen   Wohnung   stand   kein Schreibtisch.    Auf    dem    Parkettboden    im Wohnzimmer    lag    das    Spucktuch    ihres Kindes   −   es   erinnerte   sie   daran,   wie   sehr ihre   Stimme   sich   nach   der   Schwanger - schaft   verbessert   hatte;   obwohl   andere Sängerinnen   sie   davor   gewarnt   hatten, etliche    sogar    darauf    verzichteten,    ein Kind    zu    bekommen    −    aus    Angst,    der Hormonwechsel     könnte     der     Stimme schaden.     Vor     dem     Klavier     stehend erzeugte   sie   immer   höhere   und   lautere Töne.   Dabei   kam   ihr   wieder   die   Frage ein,   warum   beide   −   der   Regisseur   und der    Rezensent    −    ausgerechnet    ihren Ausdruck    von    Liebe    bemängelt    hatten. Sie   dachte   an   ihren   Mann,   an   ihr   Kind; und   es   fiel   ihr   auf,   dass   sie   im   Gegensatz zu    den    meisten    ihrer    Kolleginnen    eine weitgehend    gleichmäßige    und    befriedi - gende    Beziehung    seit    Jahren    führte    doch    darin    konnte    sie    keinen    Mangel erkennen. Eine   dreiviertel   Stunde   mühte   sie   sich   auf solche   Weise   ab,   dann   gab   sie   auf.   Sie beschloss,   ihre   Stimme   für   den   Rest   des Nachmittags   zu   schonen   und   mit   einer Wärmflasche   und   ihrer   favorisierten   ame - rikanischen   Sitcom   zu   entspannen.   Dabei freute   sie   sich   auf   den   Zeitpunkt,   wenn ihr   Sohn   von   der   Tagesmutter   zurückge - bracht und ihr übergeben werden würde. 5 Als    sie    aber    gegen    sechzehn    Uhr    den schlafenden   Leon   von   der   Tagesmutter übernahm,    schien    ihr    diese    Handlung bedeutungslos.   Den   Moment   nach   einem langen   Tag,   wenn   sie   ihr   Kind   wieder   in den   Armen   hielt,   schätzte   sie   sonst   sehr. Sie   verabschiedete   die   Tagesmutter.   Mit dem    Eindruck,    ein    Geschenk,    das    ihr zustand,   nicht   erhalten   zu   haben,   legte sie das Kind in sein Bett. Am   frühen   Abend   hatte   sie   bereits   mehr - mals   das   Schlafzimmer   betreten,   in   dem Leon    lag.    Jedes    Mal    hoffte    sie,    der Anblick     des     schlafenden     Kindes     löse einen   Gefühlseindruck   in   ihr   aus,   einen Anflug    von    Zärtlichkeit    oder    Nachklang der   tiefen   Ruhe   und   Geborgenheit,   die bei     Kindern     vorkommt;     es     geschah nichts. Während    sie    eine    Zwischenmahlzeit    zu sich   nahm,   überlegte   sie,   ob   es   ihr   wirk - lich   wichtig   wäre,   etwas   zu   empfinden oder   ob   es   ihr   genügte,   Leon   fürsorglich zu   pflegen,   zu   füttern,   ihm   einen   warmen Schlafplatz   zu   geben   und   schöne   Kleider anzuziehen.   Gegen   Ende   der   Brotzeit,   sagt   sie,   habe sie   entschieden,   dass   es   ihr   nicht   wichtig sei.   Danach   habe   sie   das   Kind,   da   es   auf - wachte,    genommen    und    an    die    Brust gelegt.
KONTAKT            kontakt(at)annkathrinast.eu IMPRESSUM Ann Kathrin Ast Solitude 70197 Stuttgart
Die   Inhalte   dieser   Webseite   sind   urheberrechtlich   geschützt   und dürfen   ohne   ausdrückliche   Genehmigung   der   Rechteinhaber   nicht reproduziert oder anderweitig verwendet werden.
ANN KATHRIN AST 1986   in   Speyer   geboren,   lebt   in   Stuttgart.   Nach   einem   Violoncellostudium   an der    Musikhochschule    Mannheim    und    einem    Masterstudium    in    Mündlicher Kommunikation    und    Rhetorik    an    der    Universität    Regensburg    schreibt    sie Lyrik,   Prosa   und   Szenisches.   Aktuell   steht   sie   kurz   vor   dem   Beenden   des ersten    Romans.    Texte    von    ihr    sind    in    Anthologien    und    Zeitschriften veröffentlicht,    ins    Französische    und    Türkische    übersetzt.    Lesungen    in Deutschland,   Österreich,   Frankreich,   Luxemburg,   Belgien   und   der   Türkei.   Sie arbeitet auch als Literaturvermittlerin für das Lyrikkabinett München. AUSZEICHNUNGEN 2017 Hilde Zach-Literaturstipendium 2017 Arbeitsstipendium der österreichischen Bundesregierung 2017 Arbeitsstipendium des Landes Tirol 2017 Landeskind-Stipendium für das Künstlerhaus Edenkoben 2017 Stipendiatin der Jürgen Ponto-Stiftung 2016 Arbeitsstipendium der österreichischen Bundesregierung 2016 USA-Reisestipendium der österreichischen Bundesregierung 2016 Stipendiatin des europäischen „Printemps poétique transfrontalier“ (Schreibaufenthalt und Lesereise durch 5 Länder) 2014 Arbeitsstipendium der Landeshauptstadt Saarbrücken 2014 Stipendiatin deutsch-türkisches Poesie-Übersetzungsprojekt des Goeth e Instituts Istanbul Nominierungen zum Leonce und Lena-Wettbewerb 2011 und Georg K. Glaser - Förderpreis 2009 2010 Arbeitsstipendium des Förderkreises deutscher Schriftsteller VERÖFFENTLICHUNGEN Erzählung ARIADNES SPUCKTUCH 1 Die   Kritik   hatte   sie   hart   getroffen.   Es   sei   ihr,   der   begabtesten   Sopranistin   des Landestheaters,   nicht   möglich,   die   Liebe   in   einer   ihrer   Ausformungen   ange - messen   darzustellen   oder   gar   zu   verkörpern,   schrieb   der   Rezensent   −   obwohl ihre   schauspielerische   Leistung   außerhalb   dieser   Begrenzung   von   präzisem Ausdruck   geprägt   sei.   Seit   drei   Jahren   habe   er   sie   in   etlichen   Titelrollen beobachten   können,   daher   fühle   er   sich   befugt,   zusammenzufassen:   Es   fehle ihr   schlicht   an   Gespür   für   den   Ausdruck   von   Liebe.   Dieses   Defizit,   obwohl begrenzt,   sei   insbesondere   ungünstig   bei   einer   lyrischen   Sopranistin,   deren Daseinsgrund   in   der   klassischen   und   romantischen   Oper   im   Ausdruck   des   lie - benden,   sich   verzehrenden   Geschöpfs   bestünde   bzw.   als   Projektionsfigur   für liebende   Männer   in   Form   von   Heldentenören   usw.   Den   letzten   Satz   überflog sie   nur,   vor   einem   der   Glaskästen   in   den   heruntergekommenen   gelblichen Gängen    des    Landestheaters    stehend,    und    obwohl    sie    sich    vorgenommen hatte,   ihr   Wohlergehen   nicht   von   Pressekritik   abhängig   zu   machen,   ließ   sich nicht   verhindern,   dass   die   Behauptung   bereits   jetzt   auf   sie   einwirkte.   Nur wenn   ihr   zumindest   ein   Stück   Wahrheitsgehalt   inne   war,   konnte   Kritik   sie   so treffen.   Zudem   kannte   sie   den   Rezensenten,   Kulturredakteur   der   örtlichen Tageszeitung,   persönlich,   seit   er   ein   Porträt   über   sie   verfasst   hatte:   Ein emphatischer,   ernsthafter   Mann,   nicht   alt,   der   selbst   Musik   studiert   hatte (Klavier),   Musik   immer   noch   bis   zur   Selbstaufgabe   liebte   und   (über   diese   Ein - schätzung   war   sie   sich   ziemlich   sicher)   keinem   Menschen   absichtlich   etwas Böses gewollt hätte. 2 Während   sie   sich   einsang,   dachte   sie   daran,   wie   oft   sie   mit   ihrem   Mann,   der am   selben   Theater   arbeitete,   zu   Hause   sich   singend   und   scherzend   über   die überhöhte   Vorstellung   von   Liebe   in   den   Opern   lustig   gemacht   hatte   −   eine Liebe,   die   üblicherweise   mit   der   Selbst-   oder   gegenseitigen   Tötung   der   Lie - benden   endet.   Sie   sah   im   Spiegel   ihre   unreine   Haut,   die   Stupsnase,   ihren immer   weiter   aufgehenden   Körper.   In   der   Probe   ließ   sie   sich   kaum   anmerken, wie   sehr   die   Bemerkung   sie   irritierte;   zu   ihrer Auffassung   von   Professionalität gehörte    es,    weitgehend    unabhängig    von    Stimmungsausschlägen    (die    sie mied),   von   Temperaturen   und   anderen   Äußerlichkeiten,   eine   gleichbleibend gute   Leistung   zu   erbringen.   Sie   bevorzugte,   nicht   mehr   als   nötig   auf   sich   auf - merksam   zu   machen.   (Bereits   wenige   Minuten   nach   einer   Vorstellung   hatte sie   sich   jedes   Mal   in   die   ungeschminkte,   unauffällige   Frau   verwandelt,   die kaum ein Zuschauer auf der Straße erkannte.) Ariadne   auf   Naxos    von   Richard   Strauss   stand   auf   dem   Probenplan,   die   Szene, in   der   Ariadne   begreift,   dass   sie   allein   auf   der   Insel   zurückgelassen   wurde. An   dieser   Passage   berührte   sie,   dass   Ariadne,   als   sie   aufwacht,   ihr   Gedächt - nis   verloren   zu   haben   scheint   und   erst   allmählich   und   stückweise,   mit   Hilfe der   Namen,   ihre   Erinnerung   wieder   zurückkommt.   Der   Regisseur   dagegen meinte,   es   sollte   von   Anfang   an   Ariadnes   Sehnsucht   nach   Liebe   deutlicher hervortreten,   was   sie,   indem   sie   sich   auf   dem   staubigen   Boden   der   Probe - bühne wand, versuchte umzusetzen. Am   Probenende   zeigte   er   sich   zwar   erfreut,   wie   schnell   man   vorangekommen sei,   trotzdem   merkte   sie,   dass   sie   nicht   exakt   den Ausdruck   getroffen   hatte, den der Regisseur sich wünschte. 3 Nachdem   sie   zwei   befreundete   Orchestermusiker   vertröstet   hatte,   die   in naher   Zukunft   ihr   erstes   Kind   erwarteten   und   zusammen   mit   ihr   zu   Mittag essen   wollten,   bestellte   sie   in   einem   der   belebten   Cafés   am Alten   Marktplatz einen   Tee.   Den   abgeschiedenen   Platz   am   Fenster   fand   sie   ideal.   Denn   hätte sie jetzt mit einem Fremden, Halbfremden oder Vertrauten sprechen sollen − es wäre ihr nichts Unverfängliches zu sagen eingefallen. Mittlerweile   empfand   sie   die   Kritik   als   eine   Nachricht,   die   man   ihr   über - bracht hatte. Die Präzision der Nachricht war es, die sie überzeugte. Wovon? Dann   beruhigte   sie   sich,   dass   der   Rezensent   nur   von   ihrer Ausdrucksfähigkeit (nicht   von   der   Qualität   ihrer   Gefühle)   gesprochen   hatte.   Um   sicherzugehen, dass   sie   sich   in   Liebesdingen   nicht   auffällig   verhielte,   fing   sie   an,   die   an   dem Café   vorüberlaufenden   Passanten   zu   beobachten.   Sie   versuchte   zu   erkennen, wie   sich   Liebe   oder   liebesähnliche   Zustände   in   ihren   Bewegungen,   Körperhal - tungen und Gesten ausdrückten. 4 Nach   einer   halben   Stunde   stand   sie   auf   und   zahlte   an   der   Theke.   Mittler - weile   bereute   sie,   nicht   mit   den   beiden   Orchestermusikern   in   die   Kantine gegangen   zu   sein.   In   einer   Gasse,   die   von   schiefen,   verzogenen   Häuschen gesäumt   war,   kam   sie   an   einer   barocken   Kirche   vorbei,   deren   Tür   halboffen stand und aus der leise Orgeltöne zogen. Als   sie   die   kleine   Kirche   betrat,   hörte   die   Orgelmusik   auf.   Sie   setzte   sich dennoch   in   eine   der   hinteren   Bänke,   unter   die   Empore,   aber   der   Organist hatte   sein   Spiel   beendet   −   oder   war   das   Stück   von   einer   CD   abgespielt   wor - den, die nun zu Ende war? Die   Einrichtung   ihrer   Wohnung   wirkte   provisorisch,   obwohl   sie   seit   fünf   Jah - ren    hier    lebten:    eine    nackte    Glühbirne    über    der    Garderobe,    in    den Durchgängen   zwischen   den   Zimmern   hingen   keine   Türen   und   in   der   ganzen Wohnung   stand   kein   Schreibtisch. Auf   dem   Parkettboden   im   Wohnzimmer   lag das   Spucktuch   ihres   Kindes   −   es   erinnerte   sie   daran,   wie   sehr   ihre   Stimme sich   nach   der   Schwangerschaft   verbessert   hatte;   obwohl   andere   Sängerinnen sie   davor   gewarnt   hatten,   etliche   sogar   darauf   verzichteten,   ein   Kind   zu bekommen   −   aus Angst,   der   Hormonwechsel   könnte   der   Stimme   schaden.   Vor dem   Klavier   stehend   erzeugte   sie   immer   höhere   und   lautere   Töne.   Dabei kam   ihr   wieder   die   Frage   ein,   warum   beide   −   der   Regisseur   und   der   Rezen - sent   −   ausgerechnet   ihren   Ausdruck   von   Liebe   bemängelt   hatten.   Sie   dachte an   ihren   Mann,   an   ihr   Kind;   und   es   fiel   ihr   auf,   dass   sie   im   Gegensatz   zu   den meisten   ihrer   Kolleginnen   eine   weitgehend   gleichmäßige   und   befriedigende Beziehung   seit   Jahren   führte   −   doch   darin   konnte   sie   keinen   Mangel   erken - nen. Eine   dreiviertel   Stunde   mühte   sie   sich   auf   solche   Weise   ab,   dann   gab   sie   auf. Sie   beschloss,   ihre   Stimme   für   den   Rest   des   Nachmittags   zu   schonen   und   mit einer   Wärmflasche   und   ihrer   favorisierten   amerikanischen   Sitcom   zu   ent - spannen.   Dabei   freute   sie   sich   auf   den   Zeitpunkt,   wenn   ihr   Sohn   von   der Tagesmutter zurückgebracht und ihr übergeben werden würde. 5 Als   sie   aber   gegen   sechzehn   Uhr   den   schlafenden   Leon   von   der   Tagesmutter übernahm,    schien    ihr    diese    Handlung    bedeutungslos.    Den    Moment    nach einem   langen   Tag,   wenn   sie   ihr   Kind   wieder   in   den   Armen   hielt,   schätzte   sie sonst    sehr.    Sie    verabschiedete    die    Tagesmutter.    Mit    dem    Eindruck,    ein Geschenk,   das   ihr   zustand,   nicht   erhalten   zu   haben,   legte   sie   das   Kind   in   sein Bett. Am   frühen   Abend   hatte   sie   bereits   mehrmals   das   Schlafzimmer   betreten,   in dem   Leon   lag.   Jedes   Mal   hoffte   sie,   der   Anblick   des   schlafenden   Kindes   löse einen   Gefühlseindruck   in   ihr   aus,   einen   Anflug   von   Zärtlichkeit   oder   Nach - klang   der   tiefen   Ruhe   und   Geborgenheit,   die   bei   Kindern   vorkommt;   es geschah nichts. Während   sie   eine   Zwischenmahlzeit   zu   sich   nahm,   überlegte   sie,   ob   es   ihr wirklich   wichtig   wäre,   etwas   zu   empfinden   oder   ob   es   ihr   genügte,   Leon   für - sorglich   zu   pflegen,   zu   füttern,   ihm   einen   warmen   Schlafplatz   zu   geben   und schöne Kleider anzuziehen.   Gegen   Ende   der   Brotzeit,   sagt   sie,   habe   sie   entschieden,   dass   es   ihr   nicht wichtig   sei.   Danach   habe   sie   das   Kind,   da   es   aufwachte,   genommen   und   an die Brust gelegt.
KONTAKT kontakt(at)annkathrinast.eu IMPRESSUM Ann Kathrin Ast Solitude 70197 Stuttgart
Die   Inhalte   dieser   Webseite   sind   urheberrechtlich   geschützt   und   dürfen   ohne   ausrückliche   Genehmigung   der Rechteinhaber nicht reproduziert oder anderweitig verwendet werden.